Die meisten benutzen KI wie eine bessere Suchmaschine. Frage rein, Antwort raus, weiter.
Ethan Mollick, Professor an der Wharton School, schlägt etwas anderes vor: nicht bedienen, sondern zusammenarbeiten. Er nennt das Co-Intelligenz* — menschliches Urteil kombiniert mit dem Tempo einer Maschine.
Dafür hat er vier Regeln formuliert. Sie klingen banal und sind es nicht, weil fast jeder mindestens gegen zwei davon verstößt.
Heute sprechen wir über alle vier Regeln, wie Du besser mit KI arbeiten kannst — und über die eine Zahl, die erklärt, warum die zweite Regel keine Höflichkeitsfloskel ist.
#1 Lade die KI immer mit ein
Mollicks erste Regel lautet: Zieh die KI bei so vielen Aufgaben hinzu, wie es geht — auch bei denen, bei denen Du nicht damit rechnest.
Der Grund dafür ist ein Begriff, den er Jagged Frontier nennt, die zackige Grenze. KI ist nicht gleichmäßig gut. Sie ist bei manchen Aufgaben verblüffend stark und bei direkt benachbarten überraschend schwach — ohne dass man von außen erkennen könnte, welche wozu gehört.
Daraus folgt etwas Unbequemes: Pauschale Aussagen darüber, was KI kann, sind wertlos. Auch meine. Wo die Grenze in Deinem Feld verläuft, findest Du nur heraus, indem Du sie in Deinem Feld abtastest.
Wer mit KI arbeiten will, muss also erst kartieren. Und das geht nur durch Ausprobieren an echten Aufgaben, nicht durch Lesen.
#2 Bleib der Mensch in der Schleife
Die zweite Regel klingt nach Pflichtsatz aus einer Compliance-Schulung. Es gibt aber eine Zahl dazu, die sie ziemlich konkret macht.
Die Boston Consulting Group hat 2023 rund 800 Beraterinnen und Berater in zwei Gruppen geteilt — eine mit KI-Unterstützung, eine ohne. Bei den meisten Aufgaben lieferte die KI-Gruppe bessere und kreativere Ergebnisse in kürzerer Zeit.
Bei Aufgaben, die kritisches Denken und Genauigkeit verlangten, kippte das Bild: Die KI-Gruppe lag bei rund 65 Prozent richtig, die Gruppe ohne KI bei etwa 84 Prozent.
Wer mit KI arbeiten will, muss also genau dort hinsehen, wo es auf Genauigkeit ankommt. Der Grund war nämlich nicht, dass die KI schlechter dachte. Der Grund war, dass die Ergebnisse häufig ungeprüft übernommen wurden.
Das ist die ganze Regel in einer Zahl: KI hebt Tempo und Kreativität messbar — und senkt die Genauigkeit genau dann, wenn niemand mehr hinschaut.
#3 Sag ihr, wer sie sein soll
Regel drei: Behandle die KI wie eine Person — aber sag ihr, was für eine.
Ohne Rolle antwortet ein Modell im Durchschnitt aller Rollen. Mit Rolle antwortet es aus einer Perspektive. „Sei ein skeptischer Steuerberater, der meinen Plan auseinandernimmt“ liefert etwas völlig anderes als „was hältst Du davon“.
Mollick unterscheidet dabei zwei Arbeitsweisen, und es lohnt sich, die eigene zu kennen:
Centaur. Klare Arbeitsteilung. Die KI macht X, Du machst Y, die Grenze ist sauber. Beispiel: Sie recherchiert, Du entscheidest und schreibst.
Cyborg. Enge Verzahnung im selben Arbeitsschritt. Du schreibst einen Absatz, lässt ihn umformulieren, änderst zurück, fragst nach einem Gegenargument.
Keine der beiden ist besser. Aber wer unbewusst zwischen ihnen wechselt, verliert den Überblick darüber, welcher Teil des Ergebnisses eigentlich von wem stammt.
#4 Nimm an, das ist die schlechteste KI, die Du je nutzen wirst
Die vierte Regel richtet sich nicht auf heute, sondern auf die Bauweise Deiner Abläufe.
Wenn die Systeme besser werden, gewinnt jeder Ablauf, der auf Zusammenarbeit ausgelegt ist. Und jeder Ablauf, der um die heutigen Schwächen herumgebaut wurde, wird zur Altlast.
Wie Du in zwei Jahren mit KI arbeiten wirst, weiß heute niemand. Praktisch heißt das: Baue keine aufwendigen Umgehungen für Probleme, die in einem Jahr verschwunden sein könnten. Baue stattdessen Abläufe, in denen Prüfen, Entscheiden und Verantworten bei Dir bleiben — denn dieser Teil verschwindet nicht.
#5 Was Du jetzt tun solltest
- Führ eine Woche lang eine Liste. Zwei Spalten: hat funktioniert, hat nicht funktioniert. Das ist Deine persönliche Karte der zackigen Grenze.
- Zieh die KI bei einer Aufgabe hinzu, bei der Du es nicht erwartest. Genau dort liegen die Überraschungen in beide Richtungen.
- Prüf alles, was Zahlen, Namen oder Quellen enthält. Das ist die Ecke, in der die 65 Prozent entstehen.
- Gib immer eine Rolle vor. Ein Satz am Anfang, große Wirkung.
- Entscheide bewusst, wie Du mit KI arbeiten willst — Centaur oder Cyborg. Und halt es innerhalb einer Aufgabe durch.
Ein paar abschließende Worte…
Das Unangenehme an der zackigen Grenze ist nicht, dass es sie gibt. Es ist, dass sie sich nicht ankündigt.
Eine KI klingt bei einer Aufgabe, die sie nicht beherrscht, exakt so souverän wie bei einer, die sie beherrscht. Es gibt keinen Tonfall, an dem Du den Unterschied merkst.
Wer mit KI arbeiten will, kommt an dieser Stelle nicht vorbei. Deshalb ist die zweite Regel die wichtigste von allen. Nicht weil Kontrolle prinzipiell gut wäre, sondern weil Du sonst nie erfährst, auf welcher Seite der Grenze Du gerade gestanden hast.
Hinterlasse mir gerne einen Kommentar: Bei welcher Aufgabe hat Dich eine KI zuletzt überrascht — im Guten oder im Schlechten?
PS: Bitte teile diesen Artikel auf Social Media, sodass auch andere ihre eigene Grenze finden, statt sich auf pauschale Aussagen zu verlassen…
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