Über Self-Publishing wird viel geschrieben. Fast immer über das Schreiben.
Über die Stellen, an denen still und dauerhaft Geld verloren geht, fast nie.
Ich habe in den vergangenen Monaten meinen gesamten Bestand an Titeln systematisch überarbeitet — jede Seitenzahl neu gerechnet, jedes Listing geprüft. Dabei sind vier Annahmen zusammengebrochen, die ich selbst jahrelang mitgeschleppt hatte. Drei davon kosten bei jedem verkauften KDP-Taschenbuch Geld. Die vierte lässt sich überhaupt nicht mehr reparieren.
Heute sprechen wir über alle vier — und darüber, wie Du sie vermeidest, bevor Du hochlädst.
#1 Die Seitenzahl ist eine Preisentscheidung, keine inhaltliche
Beim KDP-Taschenbuch in Schwarz-Weiß mit Standardformat gilt auf Amazon.com: 24 bis 110 Seiten kosten pauschal 2,30 USD Druckkosten — unabhängig davon, ob Dein Buch 60 oder 108 Seiten hat.
Ab Seite 111 wird anders gerechnet: 1,00 USD Grundbetrag plus 0,012 USD je Seite.
Was das praktisch bedeutet: Ein Buch mit 108 Seiten kostet Dich 2,30 USD im Druck. Ein Buch mit 139 Seiten kostet 2,67 USD. Der Unterschied sind 37 Cent — pro verkauftem Exemplar, dauerhaft, für die gesamte Lebensdauer des Titels.
Ich hatte lange ein Ziel von 130 Seiten im Kopf. Als ich nachgesehen habe, woher diese Zahl eigentlich stammt, war die Antwort ernüchternd: aus keiner Quelle. Sie war einfach rund.
#2 Der Buchrücken beginnt bei 79 Seiten, nicht bei 100
Diese Annahme stand bei mir in mehreren Projektunterlagen — und sie war schlicht falsch.
KDP erlaubt Text auf dem Buchrücken ab 79 Seiten. Nicht ab 100. Wer darunter liegt, bekommt sein Cover abgelehnt und steht am Ende mit einem Buch da, dessen Rücken im Regal leer ist.
Zusammen mit dem ersten Punkt ergibt sich daraus ein ziemlich enges Fenster. Zwischen 79 und 110 Seiten hat Dein KDP-Taschenbuch einen beschrifteten Rücken und gleichzeitig die günstigsten Druckkosten. Darunter fehlt der Rücken, darüber zahlst Du pro Seite.
Das ist kein Naturgesetz, und es gibt gute Gründe, den Korridor zu verlassen. Aber es sollte eine Entscheidung sein, keine Überraschung.
#3 Seiten entstehen aus Struktur, nicht aus mehr Text
Hier lag mein größter Denkfehler. Ich bin lange davon ausgegangen, dass mehr Seiten mehr Text bedeuten.
Zwei Titel aus meinem Bestand haben mich eines Besseren belehrt. Der eine kommt mit rund 22.000 Wörtern auf 126 Seiten. Der andere hat mit etwa 20.000 Wörtern fast dieselbe Textmenge — und bleibt deutlich darunter.
Der Unterschied liegt nicht am Schreiben. Beim ersten Titel sind rund 79 der 126 Seiten Struktur: Arbeitsblätter, Übungsseiten, Kapiteltrenner. Nur etwa 47 Seiten sind tatsächlich Fließtext.
Daraus folgt beides. Wer Seiten braucht, schreibt nicht mehr — er baut mehr. Und wer unter die Kostenklippe will, kürzt nicht den Inhalt, sondern setzt den Satz gedrängter.
#4 Für Titel und Untertitel hast Du 72 Stunden — dann nie wieder
Das ist der Punkt, der wirklich weh tut.
Titel und Untertitel sind nur in den ersten 72 Stunden nach der Erstveröffentlichung änderbar. Danach sind sie endgültig gesperrt, bei beiden Formaten. Ich hatte selbst angenommen, beim E-Book sei das lockerer. Ist es nicht.
Frei änderbar bleiben dagegen: Beschreibung, Keywords, Kategorien, Cover, der komplette Innenteil und der Preis. Alles andere also — nur eben nicht die zwei Zeilen, die ganz oben stehen.
Ein Titel in meinem Bestand trägt bis heute einen Untertitel, den ich nicht mehr anfassen darf. Die einzige Lösung wäre eine komplett neue Ausgabe mit neuer Kennung. Damit wären aber der gewachsene Kategorierang und die Verkaufshistorie weg — und der Rang ist bei einem älteren Titel oft das wertvollste, was er hat.
Dazu kommt eine Falle, die viele erst nach der Ablehnung kennenlernen: Wiederholte Wörter zwischen Titel und Untertitel können eine Beanstandung auslösen. Bei einem meiner Titel reichte, dass ein einziges Wort zweimal vorkam.
#5 Was Du jetzt tun solltest
- Nimm 79 bis 110 Seiten als Zielkorridor. Verlass ihn bewusst, wenn der Inhalt es verlangt — aber nie versehentlich.
- Rechne die Druckkosten vor dem Satz, nicht danach. Zwei Minuten Rechnung entscheiden über Cents pro Exemplar über Jahre.
- Lies Titel und Untertitel laut vor und streich jede Wortwiederholung. Das ist die letzte Gelegenheit — danach nie wieder.
- Plan Deine Seiten über Struktur. Arbeitsblätter und Übungsseiten sind kein Füllmaterial, sie sind bei Ratgebern der eigentliche Nutzen.
- Behandle die Beschreibung als Dauerbaustelle. Sie bleibt frei änderbar und leistet die Verkaufsarbeit, die der gesperrte Untertitel nicht mehr leisten kann.
Ein paar abschließende Worte…
Auffällig ist, dass keiner dieser vier Punkte in den üblichen Einsteiger-Anleitungen auftaucht. Sie stehen im Kleingedruckten der Plattform und in den Abrechnungen.
Genau das macht sie teuer. Ein Fehler beim Schreiben fällt Dir beim Lesen auf. Ein Fehler bei der Seitenzahl fällt niemandem auf — er zieht nur bei jedem Verkauf ein paar Cent ab.
Der Unterschied zwischen einem Titel, der trägt, und einem, der bloß existiert, entscheidet sich häufiger an solchen Stellen, als einem lieb ist. Lange bevor der erste Leser das Buch aufschlägt.
Hinterlasse mir gerne einen Kommentar: Wie viele Seiten hat Dein letztes Taschenbuch — und war das eine Entscheidung oder ein Zufall?
PS: Bitte teile diesen Artikel auf Social Media, sodass auch andere Selfpublisher nicht dauerhaft Geld an der Seitenzahl verlieren…
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