(Lesezeit ca. 4 Min)

Das Jahr lief gut. Mehr Aufträge als im Vorjahr, mehr Umsatz, mehr zu tun.

Und trotzdem ist am Ende nichts da.

Das ist kein Rechenfehler und meistens auch keine Disziplinlosigkeit. Es ist die Formel, mit der praktisch jeder Selbständige rechnet — und die den Gewinn systematisch zur Restgröße macht.

Mike Michalowicz hat dafür eine Umkehrung vorgeschlagen, die zunächst nach Buchhaltungs-Spielerei klingt und in der Praxis erstaunlich viel verändert. Sein Ansatz heißt Profit First, beschrieben im gleichnamigen Buch* — und er beginnt mit einer anderen Reihenfolge.

Heute sprechen wir über diese Umkehrung, über den psychologischen Effekt dahinter — und darüber, was sich davon für ein Ein-Personen-Geschäft übernehmen lässt und was nicht.

#1 Gewinn ist keine Restgröße

Statt Umsatz minus Kosten gleich Gewinn wird bei Profit First der Gewinn zuerst abgezogen

Die übliche Rechnung lautet: Umsatz − Kosten = Gewinn.

Das klingt harmlos, hat aber eine eingebaute Reihenfolge. Zuerst kommen die Kosten, und was danach noch da ist, ist der Gewinn. Der Gewinn ist damit strukturell das, was übrig bleibt — und übrig bleibt bekanntlich selten etwas.

Michalowicz dreht die Formel um: Umsatz − Gewinn = Kosten.

Dieselben drei Größen, dieselbe Mathematik. Nur ist der Gewinn jetzt eine feste Position, die zuerst abgezogen wird. Und die Kosten sind das, was danach noch zur Verfügung steht.

Das ist kein Trick, um mehr zu verdienen. Es ist eine Entscheidung darüber, welche Größe verhandelbar ist.

#2 Warum das tatsächlich wirkt

Profit First funktioniert nicht, weil die Rechnung besser wäre. Der Grund ist nicht mathematisch, sondern psychologisch — und er heißt Parkinsonsche Regel: Ausgaben dehnen sich auf das aus, was verfügbar ist.

Wenn auf dem Betriebskonto 8.000 Euro liegen, findet sich Verwendung für 8.000 Euro. Liegen 6.000 darauf, kommt man mit 6.000 aus. Nicht weil man plötzlich diszipliniert wäre, sondern weil man kreativer wird, sobald der Spielraum kleiner ist.

Genau das ist der Hebel. Wer den Gewinn sofort wegräumt, senkt das verfügbare Budget — und die Ausgaben ziehen nach.

Das ist auch Michalowicz‘ durchgängiges Thema über alle seine Bücher hinweg: Systeme statt Willenskraft. Nicht sich vornehmen, sparsamer zu sein, sondern es so einrichten, dass Sparsamkeit die naheliegende Reaktion ist.

#3 Fünf Konten, und wie viele Du davon wirklich brauchst

Umgesetzt wird das über getrennte Konten. Michalowicz nennt fünf: Einnahmen, Gewinn, Inhabervergütung, Steuern, Betriebskosten.

Bei jedem Zahlungseingang wird sofort ein fester Prozentsatz auf die Gewinn-, Steuer- und Vergütungskonten verteilt. Erst danach werden Betriebsausgaben getätigt — aus dem, was übrig ist.

Der wichtigste Teil ist das Wort sofort. Nicht am Monatsende, nicht wenn Zeit ist. Beim Eingang.

Für ein nebenberufliches Geschäft reichen erfahrungsgemäß drei: eines für Eingänge, eines für Steuern, eines für den Gewinn. Wer sich ohnehin keinen Lohn auszahlt, braucht dafür kein eigenes Konto — die Trennung zwischen Steuern und allem anderen ist die, die am meisten rettet.

#4 Was sichtbar wird — und warum das wehtut

Michalowicz‘ bekanntester Satz lautet sinngemäß: Umsatz ist Eitelkeit, Gewinn ist Vernunft, und entscheidend ist die Liquidität.

Das klingt nach Kalenderspruch, bis man die Konten tatsächlich getrennt hat. Denn dann sieht man zum ersten Mal schwarz auf weiß, ob das Ganze überhaupt Gewinn abwirft — oder nur Umsatz erzeugt und sich selbst finanziert.

Bei vielen Nebengewerben ist die Antwort ernüchternd. Das ist unangenehm, aber es ist die einzige Grundlage, auf der sich entscheiden lässt, ob man ausbaut, umstellt oder aufhört.

Und ein ehrlicher Hinweis zur Übertragbarkeit: Michalowicz‘ andere Bücher setzen ein Team voraus. Wer allein arbeitet, kann daraus wenig ziehen. Profit First ist der Teil, der ohne Anpassung funktioniert.

Was sich zusätzlich lohnt, ist eine Frage aus einem seiner späteren Bücher: Das größte Problem der meisten Unternehmer sei, dass sie nicht wissen, was ihr größtes Problem ist. Erst Umsatz, dann Gewinn, dann Ordnung, dann Wirkung — in dieser Reihenfolge. Wer an der Wirkung arbeitet, während der Gewinn nicht stimmt, arbeitet an der falschen Ebene.

#5 Was Du jetzt tun solltest

  • Fang mit dem kleinsten Schritt von Profit First an: ein zweites Konto, heute. Nur für Steuern. Das ist der Schritt, der die meisten Selbständigen vor der bösen Überraschung bewahrt.
  • Leg einen Prozentsatz fest und halt ihn klein. Fang bei einem Prozent Gewinn an. Es geht nicht um die Höhe, sondern darum, dass es überhaupt passiert.
  • Verteile beim Eingang, nicht am Monatsende. Wer wartet, hat das Geld schon ausgegeben.
  • Schau Dir die Zahl nach drei Monaten an. Erst dann sagt sie etwas.
  • Prüf, an welcher Ebene Du gerade arbeitest. Umsatz, Gewinn, Ordnung oder Wirkung — und ob die darunter überhaupt steht.

Ein paar abschließende Worte…

Der Grund, warum diese Umstellung funktioniert, ist ziemlich unschmeichelhaft: Sie rechnet nicht damit, dass man sich zusammenreißt.

Alle guten Vorsätze zum Sparen scheitern am selben Punkt — im Moment der Ausgabe ist das Geld da, und der Vorsatz ist eine Woche alt. Ein getrenntes Konto diskutiert nicht mit.

Michalowicz‘ Ansatz ist keine wissenschaftlich fundierte Theorie, sondern ein Praxisratgeber. Aber die Mechanik dahinter — sich selbst binden, statt sich auf Disziplin zu verlassen — ist eines der am besten belegten Muster im menschlichen Umgang mit Geld.

Hinterlasse mir gerne einen Kommentar: Hast Du ein getrenntes Steuerkonto — oder rechnest Du im Kopf mit?

PS: Bitte teile diesen Artikel auf Social Media, sodass auch andere aufhören, den Gewinn als Restgröße zu behandeln…


Weiterempfehlungen


*Was der Stern bedeutet: Der Buchlink ist ein Affiliate-Link. Kaufst Du darüber, bekomme ich eine kleine Provision — für Dich ändert sich am Preis nichts.


Torsten
Torsten

Torsten hilft ambitionierten Einzelunternehmern, sich mit ihrem Thema als Experte zu positionieren. Sei es das passende Zielbild zu erstellen, die eigene Online Präsenz aufzubauen oder den eigenen Expertenstatus zu etablieren.

Kommentiere diesen Beitrag

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.